Schießsport

Feuer frei: Verena Schmid und ihr Luftgewehr

Verena Schmid nimmt Maß.

Nur etwa 170 Menschen leben in Großhöbing. Der kleine Ortsteil von Greding hat eine Kirche, die ein oder andere Landwirtschaft und – ein Schützenhaus. Dass in der rustikalen Baut eine der Top-Sportlerinnen Europas trainiert, fällt angesichts der Größe des Ortes erstmal schwer zu glauben. Doch schnell wird klar: Verena Schmid und ihr Luftgewehr, das gehört zusammen.   

Die Haare zum Dutt gebunden, der Körper steht stabil, das Auge blickt durch das Diopter und der Zeigefinger betätigt mit einer kurzen Bewegung den Abzug. Ein Knall, ähnlich wie ein lauter Tacker, erklingt durch den Raum am Höbinger Schießstand. Ein Schuss in die Mitte der Scheibe. 10 Punkte. Der Verfasser dieser Zeilen merkt schnell, dass das Niveau, auf dem Verena Schmid Luftgewehr betreibt wohl nicht nur in dem kleinen Ort überdurchschnittlich gut ist. Denn die 20-jährige Verena Schmid ist amtierende, zweifache Europameisterin.

Die Frage, was für Schmid daher ein Leben ohne den Schießsport wäre, hätte man sich eigentlich auch sparen können. „Das wäre ja voll langweilig, was soll ich dann mit meiner freien Zeit anfangen“, kommt die Frage zurück. Es gehört für Schmid eben schon seit Kindestagen zum Alltag mit dazu. Schon im zarten Alter von zehn Jahren schoss Verena Schmid Luftgewehr. Und wer war Schuld? „Mein Bruder“, sagt sie lächelnd und führt aus: „Er hat mich damals mitgenommen und dann hat sich das alles so ergeben.“

Verena Schmid: “Schießen wie eine Droge”

Doch es ist nicht nur der Sport selbst. Die Schießgemeinschaft sei wie eine zweite Familie, welche Schmid “nicht missen“ möchte. Doch wer eine ganze Kiste voll mit sportlichen Ehrennadeln im heimischen Regal stehen hat, dem kann es nicht einzig um die Geselligkeit gehen. „Natürlich nicht, es ist schon ein bisschen wie eine Droge, wenn im Wettkampf hinter dir die Menge tobt und du eigentlich nur das machen musst, was du täglich trainierst.“ Doch der Umgang mit dieser mentalen Ausnahmesituation scheint Schmid zu liegen. Die Mittelfränkin misst sich inzwischen in Petersaurach mit Deutschlands Schießsport-Elite in der Bundesliga und kann auch auf zahlreiche Bayern- oder Landestitel im Einzel zurückblicken. Der größte Meilenstein gelang der Schutzendorferin (Landkreis Greding) 2017 im slowenischen Maribor. Dort krönte sie sich mit der deutschen Mannschaft noch am Morgen zum Europameister. Wenige Stunden später heimste sie den Titel auch mit ihrem Mixed-Partner David Koenders ein.

Darum mag Verena Schmid Luftgewehr mehr

Ihre Paradedisziplin bei der EM war das Luftgewehr. Die Entfernung zur Scheibe beträgt hierbei zehn Meter. Beim Kleinkaliber ist die Distanz fünfmal so groß. Zum Vergleich: Das ist in etwa die Länge eines halben Fußballfeldes. Zudem werden die Kleinkaliber-Wettkämpfe häufig unter freien Himmel ausgetragen. Neben größerer Munition erschwert somit auch das Wetter das präzise Abfeuern der Kugeln. Der Sieger wird in Turnieren durch eine Gesamtpunktzahl ermittelt, die sich aus 40 Schüssen ergibt.

Verena Schmid Luftgewehr

Am Luftgewehr von Verena Schmid ist übrigens nur noch der Lauf original. Die anderen Teile hat sie eigens an ihrer Waffe modifiziert. Foto: M. Weichmann

Gezielt wird auf eine Scheibe aus elf kreisförmigen Ringen, die zehn Segmente bilden. Der kleinste und mit 10 am besten bepunktete Bereich befindet sich in der Mitte. Mit jedem weiteren Kreis nach außen nimmt die Punktzahl um eine Wertigkeit ab. Jeder Ring für sich unterteilt sich wiederum in Zehntel. „Wenn ich also eine Kugel in die 9 setze, kann ich beispielsweise eine 9,3 oder 9,4 schießen.” Doch nicht nur die millimetergenaue Präzision ist für Schmid entscheidend. Auch mentale Stärke, Konzentrationsvermögen, Körpergefühl und Ausdauer im Hinblick auf Schmerzempfindlichkeit seien wichtig. „Man braucht beim Schießen nicht besonders viel Kraft, da der Körper das Gewehr stützt, doch das kann auch mal blaue Flecken geben.“

Verena Schmid: Ein Leben für den Schießsport

Um genau diese Fähigkeiten zu schulen, trainiert Schmid beinahe täglich. Ihr Arbeitgeber unterstützt die sportbegeisterte Modellbauerin und gewährt Sonderurlaub für die Übungseinheiten und Meisterschaften. So geht es nach einem Arbeitstag dann auch vier- bis fünfmal pro Woche an den Schießstand. An zwei oder drei Wochenenden seien dann auch noch Wettkämpfe, so Schmid. Der große Ansporn der 20-Jährigen ist die Weltmeisterschaft in Südkorea im September. Die Fränkin verpasste die diesjährige EM und somit auch die Titelverteidigung. Die inzwischen bestandene Gesellenprüfung hatte folglich Priorität.

Doch im Sommer hat Schmid in zwei Qualifikations-Wettkämpfen die Chance auf die WM. „Es ist mein letztes Jahr bei den Junioren, ich war noch nie bei einer WM und will da jetzt unbedingt hin“, zeigt sie sich selbstbewusst. Denn die Konkurrenz sei im Damenbereich schon deutlich besser. Dem Ruf als reinen Männersport widerspricht sie dabei aber vehement: „Ich würde sogar sagen, dass die Frauen in der Weltspitze besser sind als die Männer.“ Vielleicht wird Schmid ihre These ja bald auch in Südkorea unter Beweis stellen dürfen. Wir sagen viel Erfolg.

Fotocredit: Matthias Weichmann

Share:

Diesen Artikel kommentieren

Your email address will not be published. Required fields are marked *