Basketball

Basketball-Legende “made in Franken”: Der ewige Dirk Nowitzki

Dirk Nowitzki im Spiel gegen die Washington Wizards im Februar 2011

Sportfans in Texas sind gemeinhin als emotionale, manchmal auch irrationale, aber immer sehr leidenschaftliche Menschen bekannt. Sie verabscheuen ihre Rivalen, sie feiern ihre Helden. Viele dieser Helden werden in der Texas Sports Hall of Fame in Waco, Texas gewürdigt. Ob Troy Aikman, der legendäre Quarterback der Dallas Cowboys oder Nolan Ryan, der einstige Baseball-Pitcher der Houston Astros und Texas Rangers, der noch mit 44 Jahren einen No-Hitter, ein perfektes Spiel, warf. Bald wird sich auch ein Deutscher zu dieser illustren Runde gesellen. Um genauer zu sein, ein Unterfranke: Dirk Nowitzki aus Würzburg.

Nowitzki ist nicht erst seit der NBA-Meisterschaft mit den Dallas Mavericks, die erste in der Geschichte des Klubs, eine echte Basketball-Legende. “Der Junge ist ein Genie”, sagte Ex-NBA-Star und TV-Experte Charles Barkley 1998 über den damals erst 19-jährigen Nowitzki. Dirk machte da bei der Nike’s Hoops Heroes Tour auf sich aufmerksam. Wenig später sollte der Würzburger bei einem Testspiel auch die Scouts aus der NBA überzeugen und, nach einem Spielertausch zwischen Milwaukee und Dallas, bei den Mavericks landen.

Aller Anfang ist schwer

In jungen Jahren war Nowitzki allerdings noch mehrgleisig unterwegs. Das sportliche Multitalent spielte Handball, Tennis und Basketball. Vater Jörg war selbst als Handballer unterklassig aktiv, Mutter Silke spielte beim DJK Würzburg in der Frauen-Bundesliga. Dirk wurde die Vorliebe zu Ballsportarten praktisch in die Wiege gelegt. Zum Basketball kam Nowitzki allerdings erst mit 13 Jahren. Beim DJK, bei dem inzwischen auch Schwester Silke spielte, entdeckte der ehemalige Nationalspieler Holger Geschwindner das Talent Nowitzkis. Eine Begegnung, die seine Karriere nachhaltig verändern sollte. Geschwindner überzeugte Dirk, sich voll und ganz dem Basketball zu widmen, und trainierte bis zu dreimal pro Woche individuell mit ihm. Hauptsächlich, um an den Wurfqualitäten Nowitzkis zu feilen.

So entstand auch der “signature shot” des deutschen Basketball-Wunders: Der Fadeaway. Ein Wurf, bei dem Nowitzki leicht nach hinten abspringt, um so der Verteidigung des Gegners zu entkommen. Egal, gegen wen, egal, aus welcher Distanz: Der Fadeaway wurde zur wichtigsten Waffe in Nowitzkis Wurf-Arsenal. Dabei spielt auch die besondere Beziehung zwischen Nowitzki und Geschwindner eine wichtige Rolle. Als “mad scientist”, also als verrückten Wissenschaftler, bezeichnete Michael Finley – ehemaliger Mitspieler in Dallas, den Mentor. Nowitzki sei dabei sein “Frankenstein”. Und tatsächlich: Geschwindner schaffte es, den Rohdiamanten Dirk zu einem echten Monster zu entwickeln.

Erste Schritte für Nowitzki in Übersee

1999 wagte der damals 19-jährige Würzburger den Schritt in die NBA. Von den Dallas Mavericks verpflichtet sollte er die ins Straucheln geratenen Texaner wieder zum Erfolg führen. In seinem ersten Jahr stolperte Nowitzki allerdings noch über jeden Stein, den talentierte Gegenspieler und die schwere Umstellung auf das Leben in den USA ihm in den Weg legten. Die Mavericks waren ein Scherbenhaufen, verpassten zum neunten Mal in Folge die Playoffs. Nowitzki tat sich schwer, gegen die deutlich athletischeren Gegenspieler zu verteidigen. Das brachte ihm den wenig schmeichelhaften Spitznamen “Irk” ein – ohne das D, das in Nordamerika gerne als Abkürzung für “Defense” gebraucht wird.

Der damalige Mavs-Coach Don Nelson entschied sich, Nowitzki in dessen zweiter Saison mehr Verantwortung zu geben. Damit wollte er die Stärken des 2,13 Meter großen Deutschen besser nutzen. Das gelang Jahr für Jahr besser, weil auch Nowitzki sich besser an die Liga und die Gegenspieler anpasste. 2002 schaffte Dirk es erstmals ins All-Star-Team, 2003 standen die Mavericks erstmals im Conference Final, dem Halbfinale auf dem Weg zur NBA-Meisterschaft. Das Blatt schien sich zu wenden, Nowitzki erhielt Anerkennung für seine einzigartigen Fähigkeiten. Einen “seven-footer” (sieben Fuß großen Spieler, etwa 2,13 Meter) der athletisch war, passen und werfen konnte? Eine absolute Rarität in der Liga. Heutzutage nennen sie das in der NBA ein “Einhorn”, angelehnt an die Seltenheit solcher Talente.

Ertraglose Jahre und der große Coup

Die folgenden Jahre quälte Nowitzki aber die Angst vor einer verschwendeten Karriere. 2006 scheiterte Dallas in den NBA-Finals an den von Dwyane Wade und Shaquille O’Neal angeführten Miami Heat. Nur ein Jahr später wurde Nowitzki zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt, die Mavericks schieden aber bereits in der ersten Playoff-Runde aus. Magische Playoff-Nächte wurden rar. Dafür wurden die Stimmen immer lauter, die einen Wechsel Nowitzkis forderten. Der Unterfranke solle sich einem anderen Team anschließen, um sich den Traum vom Titel zu erfüllen.

Doch Nowitzki fühlte sich in Dallas wohl, die texanische Metropole wurde zu seiner zweiten Heimat. Anstatt woanders sein Glück zu suchen, blieb der Würzburger den Mavericks treu und verzichtete sogar auf Gehalt, damit ihm bessere Mitspieler an die Seite gestellt werden. Ein prominentes Beispiel: Tyson Chandler, der sich 2010 den Mavericks anschloss. Im Januar 2011 verlor Dallas ohne den verletzten Nowitzki sechs Spiele in Folge, konnte sich am Ende der Saison aber dennoch für die Playoffs qualifizieren. Alles, was danach passierte, war pure Magie.

Die Mavericks kämpften sich bis in die NBA-Finals. Unter anderem, weil Dirk Nowitzki in den Conference Finals gegen Oklahoma City 24 Freiwürfe in Folge traf. Ein neuer Playoff-Rekord. In der Endspiel-Serie erwartete Nowitzki dann das Superteam aus Miami, das mit drei der größten Stars der Liga – LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh – aufwartete. Dallas hatte bis auf seinen hoch gewachsenen deutschen Superstar und einige Rollenspieler kaum etwas zu bieten. Genau darin lag allerdings die Chance der Texaner.

Mit Bescheidenheit und Team-Basketball

Mit gutem Team-Basketball, Disziplin und einem überragenden Nowitzki schaffte Dallas es, den hochfavorisierten Gegner aus Florida zu bezwingen. Für die Mavericks war es der erste Titel in der Klubgeschichte, für Dirk Nowitzki die Erfüllung eines Traumes. Dass er diesen Erfolg nicht mit irgendeinem Team und mit irgendwelchen Mitspielern, sondern mit seinen Mavs erreicht hat, macht ihn nur noch süßer. Der Würzburger wurde zudem zum Finals-MVP, also zum wertvollsten Spieler der Serie, gewählt.

“Das Team hat mich heute den ganzen Abend getragen”, sagte Nowitzki kurz bevor er die Trophäe – wohlgemerkt für eine herausragende Einzelleistung – entgegennahm. Eines von so vielen Beispielen, die zeigen, wie teamorientiert der Würzburger denkt. Spätestens jetzt war Dirk in Dallas unsterblich. Doch anstatt wie viele Spieler in der Liga das Team zu wechseln und sich einen weiteren Championship-Ring zu holen, blieb Nowitzki in Texas. Dort, wo er inzwischen mit seiner Frau Jessica eine Familie gegründet hatte und wo sie ihn verehren wie einen Rockstar.

Die wilde 30.000

Meileinsteine waren in den folgenden Jahren rar gesät, vor allem was Teamerfolge betrifft. Seit der Meisterschaft kamen die Mavericks nicht mehr über die erste Playoff-Runde hinaus, Nowitzki machte Platz für junge Spieler und ist inzwischen nur noch rund 25 Minuten pro Partie auf dem Parkett. So wenig wie seit seiner Rookie-Saison 1999 nicht mehr. Doch für einen Abend im März 2017 drehte Dirk noch einmal an der Uhr. Auf dem Weg zum 30.000. NBA-Punkt nahm der “tall baller from the G”, wie sich Nowitzki auf Twitter selbst nennt, im Spiel gegen die Los Angeles Lakers jeden Wurf. Die historische Marke knackte der Würzburger, wie könnte es auch anders sein, mit einem Fadeaway-Sprungwurf.

In den exklusiven Klub der 30.000-Punkte-Profis schafften es bislang nur sechs Spieler. Basketball-Legenden wie Kareem Abdul-Jabar, Kobe Bryant, Michael Jordon oder Wilt Chamberlain. Inzwischen gehört auch der Deutsche dazu, der dies als erster und auf absehbare Zeit auch einziger Europäer schaffte. Für Platz fünf in der ewigen Scorerliste der NBA wird es aller Voraussicht nach nicht reichen, auch wenn Nowitzki erst kürzlich im Stern-Interview verriet, dass er noch ein Jahr dranhängen möchte. Platz sechs wird Dirk auch bald an den heraneilenden LeBron James abgeben müssen. Neben einem Platz in den Herzen der Basketball-Fans und in der Texas Sports Hall of Fame ist ihm allerdings auch eines sicher: Nowitzki ist der einflussreichste europäische Spieler in der NBA-Geschichte und hat auch den Basketball in Deutschland ein kleines bisschen aus der Nische geholt. Egal, wie lange der Würzburger noch weitermacht: Er gehört definitiv zu den größten Sportlern, die Franken je hervorgebracht hat.

Beitragsfoto: © Keith Allison – lizenziert unter Creative Commons 2.0.

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